MAGAZIN / ARCHITEKTUR

Oscar Niemeyer der Zweite

Im zweiten Teil geben wir Ihnen einen Einblick in die Person Oscar Niemeyer und weitere seiner Werke. Und bevor wir es vergessen: Alles Gute nachträglich zum 103ten lieber Oscar.


Sie haben richtig gelesen, 103 Jahre hat der gute Mann schon auf dem Buckel. Das hindert ihn allerdings nicht daran, weiterhin moderne Architektur in die Welt zu tragen. Um zum Anfang zurück zu gehen, muss man die Uhr ganze 70 Jahre zurückdrehen.

 

Frühe Werke

 

Als Oscar Niemeyer damals 1934 sein Architekturstudium beendete, wurde er nach kurzer Zeit Mitarbeiter in der Firma des berühmten Stadtplaners Lúcio Costas, der später auch für den Bau Brasílias verantwortlich war. Niemeyers erstes Projekt war das Ministerium für Bildung und Gesundheit, das Ministério da Educação e Saúde, kurz MES.

 

Ministério da Educação e Saúde, via Emplastro Cubas

 

Das MES wurde in einer Zeit politischer Neuordnung und wirtschaftlichen Aufschwungs errichtet und sollte den Ethos der damaligen Zeit und den Blick in die Zukunft repräsentieren. Niemeyer setzt mit diesem Gebäude, das sich besonders durch die kubische Fassade auszeichnet, den Startschuss in die Moderne und liefert damit ein beeindruckendes Debüt. Heute wird das Gebäude als Kulturpalast bezeichnet und vereint widersprüchliche Intentionen in sich: Erbaut im Geist und Verkörperung der Moderne ist es heute ein Relikt der Vergangenheit und wird nicht selten als moderne Ruine bezeichnet, da das Gebäude über die Jahre hin immer mehr verfällt und der damalige Nationalethos nicht mehr vorhanden ist.

 

São Francisco de Assis, Sarah and lain, flickr.com

 

1943 baute Niemeyer die São Francisco de Assis, eine Kirche in Belo Horizonte. Erstmals ist hier Niemeyers unvergleichbarer Stil zu erkennen, er kreiert Rundungen und geometrischen Formen, setzt sie spielerisch zusammen. Leider wurde der Bau nie von der katholischen Kirche akzeptiert oder eingeweiht, die moderne Form war den Oberhäuptern scheinbar zu gewagt. Das ist zugegeben auch etwas nachvollziehbar, schließlich könnte sich im Inneren genauso gut ein Hallenbad befinden.

 


Biennale de São Paulo, Dré Batista, flickr.com

 

In Zusammenarbeit mit Hélio Uchôa entstand der große Pavillon der Biennale de São Paulo. Er zeichnet sich durch verzwickte Treppenkonstruktionen und zellartige Verbindungen der einzelnen Etagen aus. Insgesamt bietet der Pavillion 30.000m² Ausstellungsfläche und zeigt bis heute umsonst und für Jedermann brasilianische und internationale Kunst.

 

UN-Hauptquartier, Padraic, flickr.com

 

Zu den berühmtesten Werken zählt auch das UN-Hauptquartier in New York, das 1951 eingeweiht wurde. Dem Gebäude wird durch den großflächigen Beton Massivität und Stärke vermittelt, während die großartige Glasfront Transparenz und Offenheit verkörpert.

 

Edifício Copan, Silvio Tanaka, flickr.com

 

Einen internationalen Meilenstein setzte Oscar Niemeyer mit der Edifício Copan, einem Wohnhaus im Stadtkern São Paulos. Das Gebäude ist das größte des Landes und bietet mit über 100.000m² die größte Wohnfläche Weltweit und beherbergt 5000 Menschen. Zugegeben, heute sieht die Edifício Copan leicht heruntergekommen aus, stellt jedoch immer noch ein wichtiges Symbol der Stadt dar. Fragte man den Architekten nach der Form, gab er an “nur dem Verlauf der Straße gefolgt zu sein”, ob mit oder ohne Augenzwinkern ist nicht bekannt.

 

Der Mensch

 

"Geboren, gestorben..angeschissen."

 

Für seine nüchterne Weltansicht und trockenen Humor ist Niemeyer bekannt. Gut zu erkennen ist das in dem Dokumentarfilm Oscar Niemeyer - Das Leben ist ein Hauch, welcher vor einem Jahr in den deutschen Kinos erschien. Fabiano Maciel recherchierte und schnitt 10 Jahre an dem Film und lieferte ein imposantes Endprodukt.

 

 

Der Film erlaubt sich kein Kommentar oder Fazit. Er konzentriert sich auf die Person Niemeyer, der immer wieder zu Wort kommt und nicht umsonst als “Architekt und Philosoph” gehuldigt wird, so entstand auch der Filmtitel nach einem Zitat, das in dem Film fällt.

 

Zu Niemeyers Gedanken und Erinnerungen kommen bekannte Kenner zu Wort, die dem Zuschauer die Faszination Niemeyers Architektur vermitteln sollen, dazwischen sieht man sehr ästhetische Aufnahmen berühmter Gebäude. Mit melodischer Pianomusik im Hintergrund wird versucht die Stimmung zu lockern, was Niemeyer mit seinen staubtrockenen Sprüchen sofort wieder auflöst.Während er in seinem dunklen Atelier zeichnet und hinaus auf den Strand schaut, sagt er:

 

"Ich träumte, dass Rio nie besiedelt wurde, ich konnte die Natur und die Tiere sehen, die dort gelebt haben. Und ich verstehe, was Kafka damit meinte, dass es besser wäre, wenn es den Menschen nie gegeben hätte."

 

Oscar Niemeyers Motivation im Bezug auf seine Archtiektur zu verstehen ist nicht sehr leicht, steckt sie oft voller Widersprüche und Fragen.


Niemeyer hasst Architektur, die nur auf Effizienz und Nutzen ausgelegt ist, er will den Bewohnern ein Gefühl von Lebensqualität und Freiheit geben. Oft sind seine Werke farblich auf die Umgebung abgestimmt und fügen sich durch ihre sanfte Form in die Natur ein.
Seinen eigenen Stil entwickelte er erst mit der Zeit, inspiriert durch seine Liebe zur Natur. Und da es in der Natur keine festen Formen und Kanten gibt, leben seine Bauwerke heut von der Rundung.

"Das können die Berge sein, aber auch der Körper einer geliebten Frau."

Niemeyer ist ein Arbeitstier vom Fach, über 600 Gebäude hat er geplant und ein Ende ist nicht zu sehen. Erst kürzlich wurde das Oscar Niemeyer Kulturzentrum in Spanien fertiggestellt. Den Entwurf zu dem Bau schenkte Niemeyer schon vor 15 Jahren der Region Asturien, die ihm damals den Prinz-von-Asturien Preis für Kunst schenkte.

 

Die andere Seite

 

Wie das Leben hat auch die Ära Niemeyer zwei Seiten. Von den einen verehrt, von den anderen niedergemacht: Oscar Niemeyer war schon immer ein Ausnahmefall. Seine Sicht auf die Architektur konzentriert sich auf Ästhetik, nicht auf den Nutzen, was ihm viele Kollegen vorwerfen. Eine Erschaffer “seelenloser und kommunistischer” Architektur soll er sein, da seine Gebäude oft nicht den Bedürfnissen der Nutzer entsprechen.

Wie Sie schon im ersten Teil nachlesen können ist es als Tourist ein Graus die Hauptstadt zu besichtigen und auch die dort arbeitenden Politiker haben nicht gut zu reden. Die Regierungsgebäude seien durch die undurchdachte Archtiektur derart schlecht belüftet, dass es extrem schwer sei unter solchen Bedingungen zu arbeiten.

Niemeyers Widersprüchlichkeit zeigt sich besonders bei seinem vielleicht größten Projekt, das heute oft unter den Tisch gekehrt wird. Schon immer engagierte sich Niemeyer in sozialen Bereichen und besonders für die Slumkinder Rio de Janeiros setzt er sich noch heute ein. So wurde er von der brasilianischen Regierung beauftragt, öffentliche Schulen für bis zu 1000 Kinder aus den Slums zu entwerfen, die sie umsonst besuchen dürften. So entstanden die CIEPs (Integriertes Zentrum für öffentliche Bildung), die auf Wunsch der Regierung an sehr auffallenden und leicht zu erreichenden Stellen gebaut wurden.
Betritt man eine CIEP ist man erstmal überrascht: Alle Wände innerhalb des Gebäudes sind nur 1,50m hoch, dadurch kann man in jeden Klassenraum schauen, noch dazu besitzen die meisten CIEPs keine Fenster. Das Ergebnis ist ein einziges Chaos, jeder hört jeden und Unterrichten ist hier so gut wie unmöglich. Noch dazu scheint die Sonne den ganzen Tag auf das Dach, wodurch es im Inneren extrem warm wird.

Das Paradoxum an dieser Geschichte ist, dass diese Schulen, selbst nach ausführlichen Studien, die gegen diese Konstruktion sprachen, ohne jegliche Abänderung über 500 mal nachgebaut wurden.

 

Heute werden die Schulen nur noch sehr selten in Verbindung mit Niemeyer erwähnt. Er verteidigt seine Arbeit so, dass durch die tiefen Wände die Luftzirkulation gefördert werde und die Vorwürfe gegenstandslos seien. Oft soll es vorgekommen sein, dass er in Interviews und Gesprächen mit Kollegen einfach den Raum verlassen habe, da er keine Kritik aushalten könne.

 

Trotzdem..

 

Man mag es ihm vergeben. Ein großer Künstler ohne Eskapaden und dem ganzen Tohuwabohu drum herum ist schließlich kein großer Künstler. Naja doch, aber eben einer ohne Tohuwabohu, und mal im Ernst: Das ist es doch, was wir lesen und hören wollen.

 

Oscar Niemeyer,  immer noch arbeitet er von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends in seinem Büro, 7 Tage die Woche. Immer noch treffen täglich hunderte Mails mit Interviewanfragen ein, die alle von seiner 40 Jahre jüngeren Sekretärin bearbeitet werden. Diese hat er nach dem Tod seiner Frau, ohne seine Familie zu benachrichtigen, kurzerhand geheiratet und lebt mit ihr zusammen. Freude bereitet ihm heute nur noch noch eins:

 

"Die Frau ist wichtig, der Rest ist ein Witz."

 

Von sich selbst sagt er, er habe viel zu wenig in seinem Leben gemacht.  Geistig ist sein Scharfsinn noch der eines Jugendlichen, doch sein Körper wird Jahr für Jahr fragiler und am Ende wird es wohl der Tod sein, der seinem Leben und der Arbeit den Schlussstrich ziehen wird.

Weitere Gebäude dieses großen Architekten sehen sie im Folgenden.

 

Le Volcan, Le Havre, Frankreich, expectmohr, flickr.com

 

Memorial de América Latina, Sao Paulo, Dré Batista, flickr.com

 

Museu Nacional, Brasilia, paul:74, flickr.com

 

Teatro Popular Niteroi, Nimages DR, flickr.com

 

MAC, thefuturistics, flickr.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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