MAGAZIN / ESSEN & TRINKEN

Über Geschmack lässt sich streiten

Dieser Grundsatz lässt sich wohl bei kaum einem Thema so wörtlich anwenden wie beim Thema Essen. Und bei kaum einem Thema wird auch so viel und intensiv gestritten.

 

Von dem wirtschaftlichen Stellenwert abgesehen, ist Nahrung, anders als viele andere Konsumgüter, existenziell. Gerade aus dieser Perspektive ist es überraschend, dass in Deutschland der Anteil der Konsumausgaben für Lebensmittel in 2008 bei nur 15% lag, Tendenz sinkend. Teilweise lässt sich das mit den in Deutschland europaweit niedrigsten Lebensmittelpreisen erklären. Im Gegensatz dazu steht aber der Trend, der verstärkt hin zu Biolebensmitteln geht, die preislich meistens höher liegen als ihre nicht-ökologisch hergestellten Pendants. So erscheint, im Gegensatz zum ökonomischen Erklärungsversuch, der kulturanthropologische Ansatz plausibler. Während sich in Deutschland die "Geiz ist geil"-Mentalität des vergangenen Jahrzehnts nachhaltig auf den Lebensmittelmarkt niedergeschlagen hat, herrscht in vielen unserer Nachbarländer ein deutlich höherer Qualitätsanspruch an Lebensmittel. So bewegt sich der Anteil an den Konsumausgaben eines durchschnittlichen Franzosen bei 25-30% – dieser sehr deutliche Unterschied lässt sich nicht alleine auf die höheren Lebensmittelpreisen in Frankreich zurückführen.

So überrascht es weniger, dass die wohl bekannteste Institution für Restaurantkritik nicht etwa aus Deutschland, sondern aus Frankreich stammt. Die erste Auflage des Guide Michelin wurde von seinen Initiatoren André und Édouard Michelin erstmals im Jahr 1900 ursprünglich, um mehr Menschen zum Reisen mit dem Auto zu animieren – und so den Absatz der eigenen Reifenmarke zu erhöhen – veröffentlicht. Mittlerweile beschränkt sich der Guide Michelin weder auf Frankreich, noch Europa. Für ausgewählte Regionen der USA, Japans und Chinas gibt es ebenfalls spezielle Restaurantführer.

In der Fachwelt genießt der Restaurant-Führer ein sehr hohes Ansehen. Bekannt geworden ist er vor allem durch die Vergabe bis zu drei Sterne für sehr gute (ein Stern), ausgezeichnete (zwei Sterne) und beste Küche (drei Sterne). Ein Koch bzw. ein Restaurant, das im Guide Michelin mit einem Stern ausgezeichnet wird, kann in der Regel mit einem deutlichen Besucher- und Umsatzzuwachs rechnen. Einige Köche, vor allem in Frankreich, verbringen ein Leben damit mit wenigstens einem Stern ausgezeichnet zu werden und ihn dann auch zu behalten. Einen Stern zu verlieren grenzt für einen einmal ausgezeichneten Koch an ein Desaster. Das Ehrgefühl französischer Köche mag gelegentlich an die Kultur japanischer Samurai-Krieger erinnern.

Die Auswahl und Bewertung der Restaurants erfolgt über ein genauso komplexes wie geheimes Verfahren. Die Experten, die für Michelin im Einsatz sind, dürfen nicht einmal ihren Familienmitgliedern gegenüber genaue Auskunft über ihre Tätigkeit erteilen. John Colapinto hatte das Glück letztes Jahr für den New Yorker eine Michelin-Kritikerin in New York für einen halben Tag bei der Arbeit zu begleiten. Der Prozess, den Colaptino beschreibt, erinnert vielmehr an eine chemische Untersuchung der servierten Menüs als ein genüssliches Zusichnehmen. Die Kritiker sind nicht nur dazu angehalten alle Gerichte komplett zu verspeisen (bei zwei Drei-Gänge-Menü ist das auf Dauer keine schöne Vorstellung), sondern sind nach jedem Restaurantbesuch mehrere Stunden damit beschäftigt einen ausführlichen Fragebogen mit Details zu befüllen, die weit über die Gerichte an sich hinausgehen. Bevor ein Experte jedoch überhaupt so weit ist, muss er zunächst eine intensive Ausbildung in Europa und mehrere Monate Arbeit unter Beobachtung eines erfahrenen Kritikers hinter sich bringen. Nur wenige überstehen dieses Auswahlverfahren. Auf die Stelle der New Yorker Kritikerin hatten sich noch 3.500 andere beworben.

Neben dem harten Auswahlverfahren für seine Mitarbeiter (in Europa sind es laut Michelin insgesamt 85 Kritiker, die im Schnitt jährlich 3.800 Restaurants und 5.000 Hotels besuchen) ist es vor allem der Erfolg des Führers, auf dem das Vertrauen in den Guide Michelin aufbaut. Dieses Vertrauen ist für Michelin von essenzieller Bedeutung, es ist streng genommen die Geschäftsgrundlage. Umso härter treffen das Unternehmen kleinere Skandale, die es in der Geschichte des Restaurantührers ebenfalls gab. So geriet der Guide Michelin 2005 in die Kritik, weil im BeNeLux-Führer das Restaurant Ostend Queen in Brüssel positiv bewertet wurde – beim Erscheinen des Führers war es aber noch gar nicht eröffnet. Als Reaktion wurden alle 50.000 gedruckten Exemplare der betroffenen Auflage vernichtet.

Solche kleinen Vertrauenserschütterungen verstärken die Skepsis vieler Menschen gegenüber einer solchen Art der Restaurantbewertung. Nicht jeder Skeptiker ist von der Kompetenz der sich für Michelin im Einsatz befindenden Experten überzeugt. Bei der strengen Geheimhaltung der Identitäten und Ausbildungen der Restaurantkritiker ist das keine Überraschung. Während die Kompetenz und Ausbildung der Lebensmittelkritiker größerer Zeitungen und Zeitschriften dort meist auch ausführlich beschrieben und belegt wird, ist bei den Michelin-Kritikern noch nicht einmal ein Name bekannt.
Ein anderer, oft genannter, Angriffspunkt ist die Tatsache, dass eine geringe Zahl bestimmter Experten darüber bestimmt, was einer großen Anzahl von unterschiedlichen Menschen schmecken wird. Da es aber eine ebensogroße Zahl an Geschmäckern wie an Menschen gibt, erscheint alleine das schon nahezu unmöglich. Geschmack lasse sich nicht objektivieren, so die Skeptiker.

Natürlich ist der Guide Michelin nicht die einzige Institution dieser Art. Die vom Gault-Millau vergebenen Hauben/Kochmützen lösen ähnliche Euphorie oder Enttäuschung bei Köchen aus, wie Michelins Sterne. Der nach seinen Herausgebern Henri Gault und Christian Millau benannte Restaurantführer treibt die elfenbeinturmeske Erhebung "über die Dinge" jedoch auf die Spitze, indem er sich nicht auf eine Auflistung (wie im Guide Michelin) beschränkt, sondern zu den bewerteten Restaurants eine Beschreibung bietet, die meist tabulos und sarkastisch bis zynisch die Zustände umschreibt und den Herausgebern bereits unzählige Gerichtsverfahren und Prozessanrohungen einbrachte. Und auch diese Veröffentlichung blieb nicht ohne seine Skandale. So wurde beispielsweise im Juli 2009 bekannt, dass im Gault-Millau WeinGuide bewertete Weingüter angeschrieben wurden, um sie an den Kosten für den Druck des WeinGuide zu beteiligen – eine erhebliche Erschütterung im Vertrauensgeflecht zwischen Weingütern, Herausgebern und Konsumenten.

Am deutlichsten wird die Absurdität, die sich um eine Bewertungshysterie herauskristallisieren kann, aber den den s.g. Parker-Punkten. Diese sind die Ergebnisse der Weinbewertungen durch Robert Parker und mittlerweile auch durch seine Mit-Autoren. Parker vergibt für Weine zwischen 50 und 100 Punkten, wobei 50PP für schlechte und unterdurchschnittliche Weine stehen und 100 für außerordentliche Weine. Hinzu kommen die Bewertung mit einem Plus, wenn erwartet wird, dass sich ein Wein durch korrekte Lagerung noch besser entwickeln wird. Neben Parker gibt es eine große Reihe weiterer Weinkenner und -bewertungssysteme, doch keines kommt an die Relevanz der Parker-Punkte heran.
Besonders deutlich wird das an den Preissteigerungen, die mit 100PP ausgezeichnete Weine innerhalb kürzester Zeit erfahren. Und diese beste Bewertungen sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Der Montrose 2003 kostete beispielsweise bereits 145 Euro als er mit der Option bewertet wurde einmal 100PP erreichen zu können. Und viele Käufer waren bereit diesen Preis für den Wein zu zahlen – der noch zwei Jahre lagern musste. Auf die Spitze getrieben wird das von unterschiedlichen Auktionen, bei denen es  vorkommen soll, dass ein Milliardär kistenweise Wein für einen vierstelligen Betrag kauft, um diese dann auf exzessiven Partys zusammen mit Cola oder Orangensaft gemischt auszuschenken. Absurdität und Dekadenz fallen sich im Trunkenheitstaumel in die Arme.

Natürlich ist das nur ein Extrembeispiel, die Regel ist das glücklicherweise noch lange nicht. Trotzdem heizt es natürlich die Kritik an der Art der Bewertung und den Konsequenzen aus diesen Bewertungen an. Was nützt dem durchschnittlichen Restaurantbesucher ein Bewertungssystem, das ein Restaurant oder einen Wein für ihn unbezahlbar macht. Was nützen ihm Menüs und Weine, die nur noch für den Geschmack von Experten hergestellt und abgestimmt werden, mit denen in Außenstehender überhaupt nichts anfangen kann. Es musste unweigerlich zu einem Klassenkampf innerhalb der Gastronomiewelt kommen. Und so kam es auch.

Als Konsequenz aus dieser Kritik entstand eine große Zahl unterschiedlicher Bewertungsportale, bei denen nicht selbsternannte Eperten sondern der Durchschnittsbesucher ein Restaurant, ein Gericht oder einen Wein bewerten soll. Vor allem das "neue" Medium Internet eignete sich hervorragend dazu ein anderes, demokratischeres Konzept der Restaurantbewertung zu verfolgen. Das in Deutschland erfolgreichste Bewertungsportal, das ein solches Konzept verfolgt, heißt Qype. Als Klon des im Oktober 2004 veröffentlichten Bewertungsportal Yelp, das allerdings bisher nur in englischer Sprache existierte, wurde Qype im November 2005 von Stephan Uhrenbacher als Risikokapitalgesellschaft gegründet, ist aber (nach eigenen Angaben) seit November 2008 rentabel. Anfangs auf den deutschsprachigen Raum begrenzt, existieren nun Versionen für den englischen, französischen, spanischen, portugiesischen, italienischen und polnischen Sprachraum. Mit knapp 0,9 Millionen Unique User im Monat liegt Qype noch vor anderen beliebten Onlineangeboten, wie dem des Tagesspiegels oder N24.

Neben Restaurants und Hotels können registrierte Benutzer auf Qype eine vielzahl anderer Dienstleistungen bewerten, darunter Fitnessstudios, Sehenswürdigkeiten oder Sportvereine. Der Schwerpunkt liegt aber nach wie vor spürbar auf der Bewertung der gastranomischer Betriebe. Die Kritiken gehen hierbei von kurzen Zweizeilern bis hin zum ausführlichen Schwadronieren über Gerichte, Preise und Atmosphäre. Mit der Anzahl und Qualität dieser Kritiken sinkt oder steigt die Nützlichkeit einer Bewertung, vor allem Bewohner kleinerer Städte dürften je nach regionaler Benutzerdichte kaum einen Nutzen aus dem Portal ziehen können. Um mehr Benutzer dazu zu animieren ausführlichere und wirklich hilfreiche Kritiken zu schreiben, gibt es bei Qype nicht nur die Möglichkeit Betriebe zu bewerten, sondern auch die Bewertungen selbst. So entsteht neben einem ausführlichen Algorythmus, aus dem sich die Gesamtbewertung (bis zu fünf Sterne) einer Dienstleistung ableitet, auch ein Empfehlungssystem, das Benutzern, die oft ähnlicher Meinung mit einem anderen Benutzer sind, möglichst passende Restaurants vorschlägt – indivudueller als es jede Expertenkritik jemals könnte.

Bei all den guten Ideen, hat das Portal (wie alle ähnlichen Portale auch) allerdings auch mit einigen Problemen zu kämpfen. So bleiben ältere Kritiken auch dann stehen, wenn sich beispielsweise der Chefkoch oder Besitzer eines Restaurants geändert hat, was oft (im Positiven wie im Negativen) Auswirkungen auf den Charakter und die Qualität eines Betriebs hat – und diese Kritiken eigentlich hinfällig macht. Hinzu kommen Probleme mit "Kritikspam" von Restaurantbetreibern, die teilweise massiv versuchen sich selbst möglichst positiv zu bewerten, um im Ranking weiter vorne zu erscheinen. Und schließlich lässt lange darüber diskutieren, ob ein guter Koch jemand ist, der Gerichte für die Masse serviert oder vielmehr spezielle, ausgefallene und originelle Menüs anbietet, die vielleicht nur ein Experte als solche erkennt.

Spätestens an dieser Stelle wird die Komplexität des Diskurses zu dieser Thematik deutlich. Hier wird nicht mehr nach der Antwort danach gesucht wie ein qualitativ hochwertiges Produkt am besten ermittelt werden kann. Vielmehr geht es um die grundsätzliche Frage danach was "Qualität" eigentlich ist, es wird an der philosophischen Frage nach dem "Guten an sich" gearbeitet. Ein so gearteter Diskurs wird vermutlich niemals ein Ende oder gar ein Ergebnis liefern, wenn nicht anerkannt wird, dass hier nicht über Gastronomie und Gerichter, sondern vielmehr über Wertesysteme diskutiert wird. Ähnlich hat es Peter Kruse auf der re:publica 2010 formuliert, als er den öffentlichen Diskurs um die Vorzüge und Nachteile des Mediums Internet und Sozialer Netzwerke in jenem Medium beleuchtete. Und ähnliches spielt sich seit eh und je in der Literatur- und Kunstkritik ab. Vermeintliche Laien entwickeln ein starkes Interesse für eine bestimmte Thematik und dringen immer mehr in einen Bereich vor, der bis zu einem gewissen Zeitpunkt von alt eingesessenen Experten belagert wurde. Letztere fühlen sich in ihrer Funktion bedroht und bilden ein Bewertungs- und Urteilssystem aus, das nur von ihresgleichen in seiner Gänze verstanden und auch angewandt werden kann. Tragischerweise führt das nicht dazu, dass nun eine demokratischere, in allgemeinem Diskurs ermittelte Bewertung erfolgen kann. Vielmehr wird zumeist ein Gegensystem, zu dem der "Experten", aufgesetzt, das alle "alten" Werte ablehnt – und sich auf Dauer in seiner Haltung des dauernden Negierens selbst unbrauchbar macht.

Und am Ende verkennen wir alle, dass wir um etwas diskutieren, das für sich genommen einfach nur ein Text, nur ein Ölgemälde oder eben nur ein Mehr-Gänge-Menü ist, das von all dem überhaupt nichts mitbekommt und einfach nur ist, wie es ist. Wir verkennen, dass wir durch unsere Unterschiedlichkeit überhaupt keinen gemeinsamen Nenner brauchen, dass beide Welten nebeneinander existieren können und vermutlich in dieser Parallelexistenz am Ende des Tages einen viel größeren gesellschaftlichen wie individuellen Nutzen in der Lage sind zu erbringen, als ein aus jahrelangem Diskurs entstandenes neues, pseudooptimales System, auf das wir ins unserem Perfektionierungswahn noch immer hoffen. Dass die beiden Welten, aus Laienmeinung und erfahrener Expertise, nebeneinander bestehen müssen. Weil nicht jeder gleichermaßen mit den Ratgebern der Experten etwas anfangen kann und nicht jeder mit Internetportalen und deren Herausforderung an die Unterscheidungskraft zwischen nützlicher und unnützer Bewertung.

Was ist nun das erfreuliche Element dieser Erkenntnis? Es ist so offensichtlich und einfach, dass es fast schon erschreckend ist, dass es erwähnt werden muss. Es ist erfreulich, dass wir die Wahl haben zwischen Onlineportalen mit Massenbewertungen und exklusiver Expertenmeinung in Zeitungen, Zeitschriften und Restaurantführern. Es ist erfreulich, dass es so viele Menschen gibt, die neben ihrem Beruf die Zeit und Muse finden im Internet der Öffentlichkeit ihre Erfahrungen mit verschiedenen Betrieben zu teilen und ebenso erfreulich ist es, dass einige Menschen ihr Leben der Aufgabe widmen sich mit der Zusammensetzung verschiedener Gerichte zu beschäftigen. Und schließlich ist auch erfreulich, dass der Diskurs zu mehr Auseinandersetzung mit dem, was wir als Lebensmittel zu uns nehmen, führt. Und mehr Auseinandersetzung im Endeffekt vielleicht zu mehr Qualität und Qualitätsbewusstsein. Es wäre wünschenswert.

Und nun lassen Sie uns zurück an unsere Betonküchen gehen und uns ein leckeres Rumpsteak mit Kräuterbutter zubereiten. So ein Artikel über Lebensmittel macht doch Hunger.

KOMMENTARE

DATUM 18.05.2010 - 09:57 Uhr

NAME Michael

Wie immer wunderbar geschrieben, so dass ich mich in miener frühstückspause in den Zeilen verloren habe...

DATUM 25.08.2010 - 21:29 Uhr

NAME Mario

Der Link zum Rumpsteak mit Kräuterbutter ist leider defekt.
Habe Hunger.

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