MAGAZIN / KUNST & DESIGN

Die erschreckende Tatsache, dass wir noch Gebrauchsanleitungen brauchen

Es gibt einen Berufsstand, der dafür verantwortlich zeichnet, Produkte benutzbar zu machen. Wenn möglich sogar einfach benutzbar. Die Rede ist von Designern. Dass wir zum Benutzen einiger Produkte noch immer Gebrauchsanleitungen brauchen, lässt nur einen Schluss zu: Dieser Berufsstand hat versagt.

 

"Den Videorekorder programmieren". Dieser Ausdruck steht bis heute für die Hürden und Schwierigkeiten, die Neues – hier in Form von moderner Technik und die aus ihr resultierenden Produkte – für diejenigen mit sich bringt, die nicht mit ihm aufwachsen. Er steht für das Gefühl der Überforderung, das einige Menschen mit neuer Technik und Technologie empfinden, wenn sie das erste Mal mit ihr in Berührung kommen. In "Payback" beschreibt Frank Schirrmacher genau dieses Gefühl am Beispiel des Internets. Neue Technologien und neue Medien stellen ab einem gewissen Grad der Verbreitung nicht nur eine Herausforderung für das Individuum dar, sondern werfen auch eine Reihe gesellschaftlicher Fragen auf, die aber mit dem begrenzten Erfahrungshorinzont der Menschen, die Teil dieser Gesellschaft sind, unlösbar erscheinen.

Wer diesen Anforderungen nicht gerecht wird, hat schnell das Gefühl etwas zu verpassen, hinter dem Rest der Gesellschaft zurückzubleiben. Diejenigen, die bereits Teil dieser Technologien und Medien sind und diese massiv mitgestalten, können diese Situation aber kaum nachvollziehen. Sie neigen dazu die "ewig gestrigen" zu verspotten. Dabei sind nicht diejenigen die "Unfähigen", die nicht mit der neuen Welt umgehen können, sondern jene, die sie gestalten.

Das Internet ist hier nur in Extrembeispiel, ähnliche Strukturen tauchen aber auch schon bei viel banaleren Angelegenheiten auf. In seiner neuen Wohnung ganz alleine den Telefon- und Internetanschluss zu konfigurieren – ohne sich von dem Herren an der Hotline, den man alle 15 Minuten kontaktiert, verspottet zu fühlen – ist nahezu unmöglich. Doch statt einfacherer Lösungen und bedienbarer Technik, bieten Telekommunikationsunternehmen den viel teureren Weg der Vor-Ort-Installation durch einen Techniker an.

Sicherlich ließe sich dagegenhalten, dass es schlicht unmöglich ist solch komplexe Geräte auf eine einfache Bedienbarkeit herunterzubrechen. Wenn es da nicht die Gegenbeispiele gäbe, die durch ihre alleinige Existenz bereits das Gegenteil beweisen. Das Unternehmen, das mit der Methode der größteinfachsten Bedienbarkeit und angenehmer User Experience derzeit wohl die besten Umsätze erzielt, ist Apple. Produkte wie der iPod, das iPhone oder neuerdings das iPad sind in ihrer technologischen Komplexität viel mächtiger als es PCs vor weniger als zehn Jahren noch waren. Und trotzdem sind sie viel einfacher zu bedienen. In diesem Marktsegment kommt es selten vor, dass sich die Abnehmerschaft durch alle Altersgruppen zieht. Und trotz dieses Erfolgs bleiben gut, im Sinne von bedienbar, gestaltete Produkte eine Ausnahme.

Über die Gründe dafür lassen sich nur Vermutungen anstellen. Vielleicht sind die Ingenieure und Entwickler einiger Produkte so stolz auf ihre hervorragende Leistung, dass sie das fertige Objekt mit möglichst vielen Knöpfen und Einstellungsmöglichkeiten ausstatten müssen, um die Macht des Produkts anschaulich zu demonstrieren – und die Designer beugen sich diesem Wunsch. Vielleicht haben viele Designer selbst aber auch eine Vorstellung von "gutem Design", die vom Ideal eines überdimensionierten Schweizer Taschenmessers ausgeht – viele Funktionen, schick verpackt, aber niemand findet auf Anhieb, was er braucht.
Natürlich ist gegen viele Funktionen und Konfigurationsmöglichkeiten per se nichts einzuwenden. Es ist gut dem Konsumenten ein großes Stück maht über seine Geräte zu geben. Er sollte aber nicht gezwungen werden diese auch zu nutzen.

Schließlich, das ist vielleicht am wahrscheinlichsten, kennen viele Designer und Unternehmen die Endkunden, die User nicht. Sie kennen sie nur aus Sicht von Marketingumfragen und -analysen, Stichproben und Tests, aber nicht als Menschen, die sich nur für die Funktion des Produkts interessieren, nicht aber für dessen hervorragende Technik, Hintergrundinformationen und geschickte Konstruktion.

Das gilt interdiszipinär. Wegweisungssysteme sind das Versagenszeugnis der (Innen-)architekten und Stadtplaner, Gebrauchsanleitungen die der Produktdesigner, Suchfunktionen die der Webdesigner. Es gibt zu viele Beispiele für das versagen dieser Zunft.

Der einzige Weg heraus aus dieser Misere ist, Design nicht nur als bloßes Schönmachen von Dingen zu begreifen. In der Filiale meiner Bank kommt es vor, dass ich anstehen muss und neben einem kleinen Ständer mit Broschüren der Bank für unterschiedliche Anlageprodukte lande. Der Gedanke des Designers, des Marketingexperten und der Bank: Wenn ich mich für ein bestimmtes Anlageprodukt interessiere, werde ich zur entsprechenden Broschüre greifen. Die Wahrheit: Ich weiß mit den Begriffen auf den meisten Broschüren überhaupt nichts anzufangen und weiß auch überhaupt nicht welches Produkt ich denn mal brauchen werden. Einfach gesagt: Ich weiß überhaupt nicht wofür ich mich interessiere.

Dieser Schritt – die Produkte aus der Sicht des Kunden anschauen, der von der Materie an sich überhaupt keine Ahnung hat – ist für ein gutes Produkt unausweichlich. Man bräuchte viele Gebrauchsanleitungen und erklärende Texte überhaupt nicht, wenn Produkte nicht vom Benutzer verlangen würden sie bzw. ihre Bedienung zu erlernen, sondern sich eben an die gewohnten Verhaltensweisen des Konsumenten anpassen würden.

Produkte müssen uns endlich erlauben ein wenig zu verdummen.

KOMMENTARE

DATUM 28.05.2010 - 21:48 Uhr

NAME Helgo

Vieles ist richtig, was hier geschrieben ist.
Jedoch wird auch vergessen, dass besonders die Generation >40 eine Gebrauchsanweisung will.

Produkte, die mich "verdummen" lassen hingegen, will ich nicht. Ich will zwar einfach zu bedienende Dinge haben aber auch die Freiheit, Funktionen zu ändern bzw. zu nutzen, die sich nicht gleich zwangsweise erschließen.

Produkte wie ein iPhone, die mir da Vorschriften machen, sind mir ein Graus.

DATUM 29.05.2010 - 01:29 Uhr

NAME asdf

der artikel suggeriert auch, dass alle leute, die etwas verwenden, dasselbe damit machen wollen. stimmt mMn nicht bei allen geraeten/produkten/strassen/etc.
z.B. haben Fussgaenger andere Benutzbarkeitsanforderungen an Strassen als Autofahrer, die sich widersprechen. Geschwindigkeit,Ampeln,Kreisverkehr,Bruecke,Rollstuhl etc.

DATUM 29.05.2010 - 01:40 Uhr

NAME Huck

Also meines Erachtens »suggeriert« der Artikel gar nichts. Der Autor will nur darauf hinweisen, dass es viele Dinge gibt, die von vorneherein so hätten konstruiert werden sollten, dass deren innewohnenden Funktionen intuitiv bedient werden können. Das hat aber nichts damit zu tun, dass man Nutzer zu irgendwelchen Verwendungsprinzipien drängen will. Wenn man aber wichtige Funktionen erst durch mehrfaches studieren einer Gebrauchsanweisung, die vom Koreanischen, ins Englische, ins Deutsche übersetzt wurde, erfahren kann, liegt vielleicht ein Problem vor.

DATUM 29.05.2010 - 12:24 Uhr

NAME hendrik

@helgo jede generation wünscht sich gebrauchsanleitungen, wenn sie etwas nicht bedienen kann. der text sagt aber aus, dass nicht den gebrauchsanleitungen etwa, sondern dem erforderniss der gebrauchsanleitungen der kampf angesagt werden muss.

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