Wie Geschwister sehen sie aus. Geschwister, die vermutlich mit einer mächtigen Zeitmaschine getrennt wurden, denn das Braun T3 pocket radio und der Apple iPod der ersten Generation stammen aus zwei unterschiedlichen Jahrhunderten. Das eine entsprang dem Geist der anbrechenden 60er Jahre, nämlich genau 1960 dem Geist Dieter Rams’, der sich auch heute noch über viele der von ihm entworfenen Braun-Produkte in zahlreichen Haushalten freuen darf. Der mittlerweile weiter verbreitete „Bruder“ von Apple wurde erstmals am 23. Oktober 2001 vorgestellt und entwickelt sich seitdem zu dem dominierenden mobilen Musikabspielgerät. Auch er ist in U-Bahn, Fernsehen und Büros ein schon selbstverständlich auftauchendes Produkt. Von den fünf Gigabyte Speicherplatz, den der erste iPod bot, konnte man 1960 nicht einmal träumen. Das pocket radio war „nur“ in der Lage, Radiowellen zu empfangen. Trotzdem haben die beiden Geräte mehr als nur das ähnliche Design gemeinsam – sie haben beide auf ihre Weise den Umgang mit Musik grundlegend verändert.
Damals, in der jungen Bundesrepublik, gab es nicht viele Möglichkeiten, zu musikalischem Genuss zu gelangen. Entweder man bemühte die teure Schallplattensammlung, positionierte die Nadel mühsam und mit chirurgischer Genauigkeit an der Stelle vor dem gewünschten Song und ignorierte wohlwollend das Rauschen und Springen der Platte oder man versuchte das Radioprogramm zu genießen, bei dem man allerdings keineswegs davon ausgehen konnte, dass es auf den persönlichen Musikgeschmack zugeschnitten war. Zwei sehr stationäre und somit begrenzte Möglichkeiten. Die Einführung der sogenannten Transistorradios war für den Umgang mit Musik eine echte Revolution – in einer Zeit, in der mehr als nur die musikalische Kultur im Begriff war, sich grundlegend zu verändern, und der öffentlich-rechtliche Hörfunk für viele Bundesbürger noch das unumstrittene Leitmedium darstellte. Das Radio konnte nun den öffentlichen Raum beschallen, außerhalb von Wänden und Mauern.
Seitdem gibt es immer wieder andere Arten, Musik mobil zu machen, vom Kassettenspieler bis hin zum CD-Player. Was ist nun also das Revolutionäre, das Neue, das noch nicht Dagewesene am iPod? Es ist die Masse. Man nimmt heute nicht mehr nur einige Mixtapes mit, nicht mehr nur die CDs seiner Lieblingskünstler, nicht nur einen Bruchteil der eigenen Musiksammlung, wie es selbst (aufgrund der geringeren Kapazität) bei MP3-Playern vor dem iPod der Fall war. Man ist mittlerweile in der Lage, seine gesamte Musiksammlung überallhin zu transportieren und jederzeit abzurufen – über winzige Kopfhörer in einem kleinen Quader. Diese Freiheit wird nicht nur der jungen Generation geschenkt. Anders als es die auf diese Zielgruppe ausgerichtete Marketingstrategie zu vermitteln versucht, spielt ein iPod nicht nur Hip-Hop und Pop, dröhnende Bässe und verzerrte Gitarren. Bach, Charlie Parker und Eric Clapton spielt er auch ab, ohne Meckern und pubertäres Widersetzen. Er bietet die Freiheit, nicht nur die eine, liebste Gattung Musik zu hören, er bietet die Freiheit, die Musik, die immer abrufbereit zur Verfügung steht, seiner Stimmung anzupassen.

Vielleicht liegt hier aber auch das Manko dieses Geschenks an Flexibilität. Schließlich hat man sich mit Musik zu Schallplattenzeiten noch ganz anders auseinandergesetzt. Heute steht man nicht mehr lange im Plattenladen vor den Regalen und stöbert Stunden in verstaubten Fächern herum, um dann doch die eine Platte zu finden, die man schon so lange gesucht hatte. Dasselbe musikalische Material steht heute, nur einen Klick entfernt, in unzähligen MP3-Shops online zur Verfügung. Es besteht nur noch aus Einsen und Nullen, einer Dateibenennung in einem virtuellen Raum. So kann mit der schwindenden Auseinandersetzung auch schnell der Wert eines Musikstücks verloren gehen. Ausdruck findet das in zahlreichen Internetprojekten, die die Auseinandersetzung mit Musik wieder fördern möchten – sei es eine Website, auf der man virtuelle Mixtapes zusammenstellt, oder ein Projekt, das Informationen über gehörte Musikstücke sammelt und dem Nutzer mittels so generierter Statistiken vor Augen hält, was er eigentlich für einen Musikgeschmack hat.
Musik auf analogen Trägern stirbt also aus. Was das T3 pocket radio angefangen hat, führt der iPod heute weiter. Natürlich war der iPod nicht der erste MP3-Player und auch das T3 pocket radio war sicherlich nicht das erste Gerät seiner Art. Das Besondere an diesen Geräten ist aber, dass sie einer ganzen Generation musikalischen Umbruchs ein ästhetisches Gesicht gegeben haben und sich zu einem Symbol verwandelten. Diese Ähnlichkeit ist übrigens kein Zufall. In einem Brief an Dieter Rams erzählt Apple-Chefdesigner Jonathan Ive, wie er als kleiner Junge stundenlang voller Faszination einen Braun-Mixer zerlegt hat, wie ihm andere Haushaltsgeräte als langweiliger Plunder erschienen. Ein großes Kompliment für den Ex-Braun-Gestalter Rams. Und ein Hinweis darauf, dass sich – trotz großer technischer Fortschritte – manche Konzepte, wie das von gutem Design oder vielleicht auch das Konzept von echter Freiheit, nicht schwerwiegend verändern.
Mehr zur Designikone Dieter Rams gibt es im beim Gestalten Verlag erschienenen Buch »Less and More«.




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