Eine Entdeckungsreise rund ums Wohnen an und auf dem Wasser.
Die Entscheidungen zwischen Haus oder Wohnung, Eigentum oder Miete fallen oftmals schon schwer genug. Doch wie verhält es sich mit einer Art zu wohnen, die auf festen Grund unter den Füßen gänzlich verzichtet? Und welche Menschen leben einen solchen Wohntraum? Unser Redaktionsteam begab sich auf den Wasserstraßen Berlins auf die Suche.

Unsere Entdeckungsreise begann in Potsdam. Das erste Ziel lautete: Historischer Hafen. Wir durchquerten die ersten Wasserwege in Richtung Berlin, während in der durchaus alltagstauglich ausgestatteten Küche an Bord eine leckere Bolognese kochte. Die Reise gestaltete sich bereits zu Beginn sehr abwechslungsreich. Wir entdeckten unter anderem ein Dampfmaschinenhaus in Form einer mittelalterlichen Burg, das Hans Otto Theater mit seiner geschwungenen Architektur aus Beton und Glas sowie eine vom Architekturbüro Graft entworfene Villa.

Unser Hausboot auf der Spree.
Und so kamen wir gegen Abend gut gelaunt am Historischen Hafen an. Dort hatten wir uns mit Max Hiller und Corinna Weidner verabredet, denn von den beiden Autoren des Buches „BerlinerWasserwelten“ erhofften wir uns wertvolle Tipps für unsere Entdeckungsreise.
„Ich bin schon seit meiner Kindheit ein richtiger Schiffsfanatiker.”

Links: Max Hiller. Foto von Corinna Weidner. Rechts: Die Barbara II von innen. Foto von Max Hiller.
Wir begrüßten Max Hiller mit der Frage, warum er als gebürtiger Schwarzwälder so verliebt in die Berliner Wasserwelten ist, dass er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin gleich ein ganzes Buch darüber veröffentlicht hat. „Ich bin schon seit meiner Kindheit ein richtiger Schiffsfanatiker“, erklärte Hiller seine Leidenschaft, „als ich nach Berlin zu meiner Lebensgefährtin zog, habe ich durch die vielen Wasserstraßen Berlins diese Faszination wieder für mich entdeckt. Und zum Glück teilt Corinna diese mittlerweile mit mir. Ohne sie könnte ich die Restaurierungsarbeiten an unseren Schiffen gar nicht bewältigen.“

Barbara II von außen. Foto: Max Hiller.
Zwar ist keiner der beiden gelernter Bootsbauer, aber viele Fachbegriffe gehen ihnen mit auffallender Leichtigkeit von den Lippen. Man kennt das sonst nur von Paaren, die über den gemeinsamen Hausbau sprechen. Kein Wunder: Was ihnen an Ausbildung fehlt, haben sie durch ihre Erfahrung längst wieder wettgemacht. Neben der Yacht „Barbara II“ halten beide auch den ca. 40 Meter langen Finowmaß-Kahn „Frau Braun“ in Schuss. Hinzu kam kürzlich der ehemalige Zollschlepper „Tolleren“, der 1948 in Kopenhagen gebaut wurde. „Die Tolleren war ein absoluter Spontankauf“, schmunzelte Hiller, „ich habe sie im Internet gesehen und war sofort angetan.“ Vor allem die original erhaltene Inneneinrichtung aus Mahagoni sehe man selten, da die meisten Bootsbesitzer kaum ein Gespür für die Inneneinrichtung ihrer Schiffe hätten.

Die "Frau Braun" im Historischen Hafen.

Im Inneren des alten Lastkahns.
Im Sommer sind Hiller und Weidner oft mit einem ihrer restaurierten Schiffe unterwegs. „Unsere Städte sind mittlerweile durchgeplant und -geregelt. Das Wasser bietet uns die Möglichkeit, dieser Struktur wenigstens für einen Moment zu entkommen und Überraschungen zu erleben. Komplett auf ein Hausboot zu ziehen, kommt aber nicht in Frage“, ergänzte Weidner, „die Kosten, um ein solches Boot tatsächlich dauerhaft bewohnbar zu machen, übersteigen deutlich unsere Möglichkeiten. Außerdem ist man am Ende doch froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.“
Jemanden, der sich ganz dem Leben auf dem Wasser verschrieben hat, kennt der 43-jährige Max Hiller aber auch: Der Unternehmer Karsten Sahner wohnt nicht nur auf einem Boot, er bietet mit seiner Firma FluWoBo eine ganz besondere Art von Hausboot zum Kauf. Das Konzept des „Flusswohnbootes“ folgt dem Ziel, die hohe Wohnqualität eines Floating Homes mit der hohen Mobilität eines Sportbootes zu verbinden. Entsprechend erinnert die hochwertige Ausstattung seines rund 25 Meter langen und als Sportboot zugelassenen Flusswohnbootes mehr an eine exklusive Motoryacht als an ein Hausboot.
„Es war mir wichtig, nah an der Natur zu wohnen, ohne auf den Komfort einer Wohnung zu verzichten.”

Karsten Sahner.
Karsten Sahner hat sich vor fünf Jahren für diese ungewöhnliche Wohnform entschieden und lebt seitdem seinen Traum – sein Sohn kam sogar auf dem Flusswohnboot zur Welt. „Was mich auf das Wasser zieht, hat genetischen Ursprung“, erklärte er lachend. „Mein Urgroßvater hatte ebenfalls einen kleinen Reedereibetrieb in Godesberg am Rhein. Daher waren wir schon immer viel am Wasser – zum Windsurfen und Segeln.“ Die direkte Verbindung zur Natur fasziniert ihn noch heute so sehr, dass daraus die Idee des Flusswohnbootes entstand. „Das Prinzip der Naturnähe haben wir auf unserem Schiff umgesetzt. Wir arbeiten viel mit Glas, wodurch wir eine optimale Verbindung zur Natur und der Umwelt, mit der wir leben, erreichen“, erzählte Sahner mit spürbarer Begeisterung. „Man kann sagen, dass die Käufer eines Flusswohnbootes Menschen sind, die so wie wir das Wasser lieben und aufs Wasser ziehen möchten. Aber ohne an einen festen Ort gebunden zu sein. Stattdessen mit der Freiheit, jeden Tag an einem anderen Ort zu sein. Und natürlich ohne auf den Komfort einer hochwertigen Stadtwohnung wie Zentralheizung, Kamin und edles Interior Design verzichten zu müssen.“ Eine Warnung müsse er Interessenten allerdings immer mitgeben, scherzte Sahner. Wer sich einmal für das Leben am und mit dem Wasser entschieden habe, der bleibe in der Regel auch dabei.
Es gebe in Berlin nur einen Ort, der auf festem Grund ein ähnliches Gefühl biete wie das Leben auf dem Boot: das Berliner Neu-Venedig. Sofort war klar, dass dies das nächste Ziel unserer Reise sein müsse. Mit Spannung erwarteten wir den nächsten Tag.
„Das Wasser gibt mir immer das Gefühl, jederzeit in die Ferne zu können.”
Beim Durchqueren des Zentrums Berlins erlebten wir ein Gewässer, das unbeeindruckt von den hektisch zur U-Bahn sprintenden Großstadtbewohnern am Ufer vorbeiströmt. Auf dem Wasser scheint der Puls der Großstadt in einem anderen Takt zu schlagen. Es ist genau diese Stimmung, die Neu-Venedig dominiert. Angelegt wurde das damals „Neu-Kamerun“ genannte Idyll 1926 für die Berliner Wassersportler als Siedlungsgebiet mit Kanalanbindung an die Müggelspree.

Impression aus Neu-Venedig.
Die Großstadt am Horizont lässt sich nur noch erahnen, man sieht die Welt langsam in der Ferne an sich vorbeitreiben. Fast jedes Grundstück verfügt über einen Bootssteg, einige Villen sogar über ein Bootshaus. Die Bewohner drängen sich nicht vor die Kamera. Auf den ersten Blick könnte man diese Art zu leben vielleicht mit Verschlossenheit verwechseln. Es könnte aber auch nur Ausdruck einer Ruhe sein, die die Bewohner hier gefunden haben. Am Wasser, ganz ohne Hausboot.

Impression aus Neu-Venedig.

Impression aus Neu-Venedig.
„Zu DDR-Zeiten lebten hier noch Künstler, Sportler und SED-Funktionäre. Heute ist es ein Rückzugsort für Wochenenden. Auch meiner”, erklärte uns ein Herr, mit dem wir dann doch noch ins Gespräch kamen. Ein Dauerwohnrecht zu erhalten sei ohnehin nicht möglich, da die 374 Grundstücke im Inneren Neu-Venedigs als Flutgelände zum Schutz Berlins vor Hochwasser dienen. Alle Grundstücke befinden sich mittlerweile in Privatbesitz, nachdem sie 1928 für 3,50 Mark je Quadratmeter verkauft wurden. „Ich bin die ganze Woche von Wänden umgeben. Das Wasser gibt mir jedoch das Gefühl, jederzeit in die Ferne zu können. Ich hatte mal einen Schrebergarten, aber in dem habe ich mich immer zwischen all den Zäunen gefangen gefühlt.”

Impression aus Neu-Venedig.
„Ich bin froh, mich in meiner Wohnung frei bewegen zu können. Platz zu haben.”
Am nächsten Morgen ging es auf die Rückreise, mit dem Gefühl, einen Ort entdeckt zu haben, der dieselben Sehnsüchte erfüllen kann wie ein Hausboot. Auf der Suche nach einer Möglichkeit, uns zum letzten Mal mit Reiseproviant zu versorgen, fanden wir am Landwehrkanal eine kleine Anlegestelle in der Nähe des Wochenmarktes am Maybachufer.

Entertainer und Moderator Nilz Bokelberg vor seiner Videosammlung. Foto: ZDF Bildarchiv.
Beim Käsehändler stand plötzlich der TV-Moderator und Entertainer Nilz Bokelberg vor uns, den wir für cascademagazin.de in der Vergangenheit bereits interviewen durften. Bokelberg war von unserer Unternehmung begeistert. „Eine Hausboottour durch Berlin – da würde ich gerne mal ein paar Kilometer mitfahren!“ Wir konnten diesen Wunsch natürlich nicht ausschlagen, schließlich bekommen wir selten die Chance, Gastgeber einer TV-Prominenz auf einem Hausboot zu sein.

Moderne Betonarchitektur an der Havel.

Am Ufer versammeln sich unterschiedlichste Baustile.
Wir verließen die Spree, ließen Landwehrkanal, Charlottenburger Verbindungskanal und Westhafenkanal hinter uns, überquerten den Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal und legten schließlich am Tegeler See an. Dort verließ uns Bokelberg wieder. „Ich finde meine Wohnung vielleicht nicht optimal“, verabschiedete er sich, „aber ich bin froh, mich frei darin bewegen zu können, Platz zu haben.“ Und vielleicht hat er Recht. Vielleicht fordert die Freiheit, die ein Hausboot vermeintlich bietet, so viele Kompromisse, dass der Bewohner eines Hauses auf festem Boden am Ende doch der Freiere ist. Mit einem Stück Garten, einer soliden Strom- und Wasserversorgung sowie einer unkomplizierten Entsorgung.






KOMMENTARE
DATUM 24.10.2011 - 14:35 Uhr
NAME Biba
Hallo,
Gruß an die Autoren, interessanter Bericht!
Restauriere seit Jahren mit viel zeitlichem und finanziellem Aufwand eine 45 Jahre alte Chris Craft Aquahome aus Amerika - siehe meine HP - und werde, sofern die Götter es zulassen, 2012 on Tour gehen und mit Sicherheit die "Berliner-Seeenplatte" anlaufen.
Bin gerne bereit, mit der Redaktion irgendein Arrangement zu verabreden.
Mit freundlichem Gruß
Ho Biba
NEUEN KOMMENTAR VERFASSEN