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Ein Loblied auf die Faulheit

Faulheit hat in unserer Gesellschaft keinen guten Ruf. Nur wenige Menschen würden stolz eingestehen können, dass sie faul sind, in der Geschichte gibt es sogar Fälle, in denen Faulheit unter Strafe gestellt wurde. Dabei ist Faulheit etwas wundervolles. Sie hat uns die größten Erfindungen der vergangenen Jahrtausende beschert.

 

Alles begann mit der Erfindung des Rads. Stellen Sie sich mal vor, Sie müssten Steine schleppen über eine Entfernung von mehreren Kilometern. Viele Steine. Da haben Sie mit Sicherheit keine Lust drauf, Sie sind schlicht zu faul. Das waren die Menschen vor tausenden von Jahren auch und weil Sie so faul waren, aber die Steine (aus irgendeinem Grund, das nehmen wir jetzt einfach mal an) unbedingt brauchten, erfanden Sie das Rad und gleich danach die Schubkarre. Mit fortschreitender Zeit wurden die Menschen immer fauler. Heute würde wohl jeder diese Entfernung mit einem Kleintransporter zurücklegen, alle Steine mit unterschiedlichen Hilfsmitteln aufladen und an ihren Bestimmungsort bringen. Und wer weiß, ob das in einigen Jahren nicht eine Armee von Robotern übernimmt, die erfunden wurden, weil niemand mehr Lust hat Steine zu schleppen.

Es beginnt bei den kleinsten Dingen. Bei der Erfindermesse 2008 in Genf etwa stellte Enrico Berruti das »sich-selbst-machende-Bett« vor. »Ich bin faul, und ich war es leid, mein Bett immer selbst zu machen«, gab der Erfinder zu und offenbarte damit gleichzeitig seine Motivation, um sich seiner komplexen Konstruktion nächtelang zu widmen.

Absurderweise führt Faulheit nämlich, wie es an diesem Beispiel deutlich wird, zunächst zu großer Tüchtigkeit. Die Verheißung anschließend noch fauler sein zu können, treibt die Menschen zu den intensivsten Arbeiten und innovativsten Erfindungen an. Ich möchte hier also nicht die Untüchtigkeit loben, sondern jenes Potential, das immer in ihr schlummert. So kann in jede Tätigkeit das Streben nach Faulheit interpretiert werden. Menschen verbringen viel Zeit, bis zur Rente manchmal, in einem Beruf, nur um danach endlich faul sein zu können.

Dieses Potential, der Antrieb, der aus dem Wunsch nach Ruhe und Untätigkeit folgt, ist nicht jedem Bewusst. Im Christentum gilt Trägheit als eines der sieben Hauptlaster (auch und besser bekannt als: Todsünden). Die Kombination aus der christlichen Prägung unserer Kultur und der Tatsache, dass Faulheit ursprünglich den Zustand von schlecht gewordenem Obst oder verwesender Kadaver bezeichnet, führt unweigerlich zu dem schlechten Ruf, der dem Faulsein anhaftet.

Für Faule dürfte der Buddhismus und die vom Buddhismus geprägten Kulturen die bessere Wahl sein. Diese verfolgen nämlich nicht den Ansatz zu überlegen wie man den besagten Haufen Steine möglichst angenehm von A nach B transportiert, sie versuchen vielmehr den Menschen von dem Glauben zu lösen er brauche diese Steine überhaupt. Diese Überlegung mündet dann im Gipfel der körperlichen Untätigkeit: Der Meditation und dem Nirvana.
Das ist natürlich stark vereinfacht und weit fernab der Realität, die Umstände und weil auch Buddhisten nicht verhungern und erfrieren wollen, zwingen zu einer gewissen Flexibilität. Die Arbeitsmentalität in buddhistisch geprägten Ländern spricht deshalb auch eine etwas andere Sprache und nur Mönche oder ganz besonders hart gesottene Gläubige können sich diese Form der Arbeitsverweigerung leisten.

Es ziemt sich gerade auch heute nicht, ein gewisses Faible für Faulheit zu haben. Zum Beispiel scheint es in einigen Kreisen wichtig zu sein, stets darauf zu verweisen, dass man einen 16-Stunden Tag habe und überhaupt das ganze Wochenende durchgearbeitet hätte. Nur dann, so scheint es, wird man in seinem Beruf und in seiner Peer-Group anerkannt. Dass dies einem guten Wohlbefinden und dem Organismus eher schadet und auch nicht zu größerem Glück führt, wird oft gar nicht beachtet. Ebenso hat die Wissenschaft herausgefunden, dass ein 30-60 Minütiger Mittagsschlaf wahre Wunder wirkt, die Lebensgeister weckt und die Dynamik steigert, aber gehen Sie mal zu Ihrem Chef und sagen dem, dass sie sich jetzt mal eine halbe Stunde hinlegen werden. Das löst allenfalls tief empfundenes Mitleid aus, wenn Sie Glück haben. Es ist einfach nicht vorgesehen, (vermeintliche) Schwäche zu zeigen und Mittagsschlaf, wir erinnern uns, ist ein Relikt aus der längst vergangenen Kindheit. Besonders klevere Freunde der Faulheit haben sich das Fremdwort der Prokrastination zu eigen gemacht. Es gibt Bücher über diese Umgangsform mit Arbeit und Pflichten. Da wird aber auch nicht davon gesprochen, dass man die Arbeit nicht mehr erledigt, sondern es wird empfohlen einen ganzen anderen Blickwinkel auf die Arbeit, auf Deadlines und Termine zuzulassen. Es ist also möglich seine Arbeit auf morgen zu verschieben, ohne dass Qualität und Quantität darunter leiden. Viele Freischaffende, denen nicht ein permanent mahnender Chef im Rücken sitzt, kennen das: Man hat eine Deadline in 4 Wochen, schiebt die zu erledigende Arbeit aber immer weiter vor sich her, bis man zwei Tage vor dem Abgabetermine plötzlich panisch, aber dafür wach, konzentriert und voller Elan den Job erledigt. Das Ergebnis leidet selten unter diesen ad hoc-Arbeitseinsätzen. Wenn man sich nun irgendwann mal diesem Prozess im Vorfeld schon ein wenig nähert, erspart man sich ein wochenlang schlechtes Gewissen und kann so, vorausgesetzt man hat ein realistisches Verhältnis zu den eigenen Möglichkeiten, besser planen und die Zeiten besser nutzen.

Zum Glück gibt es aber noch echte Verfechter der Faulheit. In seinem Buch »Tage des Lebens« schreibt Marcel Proust: »Aus dem Umstand, dass mittelmäßige Menschen oft arbeitsam sind und die intelligenten oft faul, kann man nicht schließen, dass Arbeit für den Geist eine bessere Disziplin sei als Faulheit«. Diese Behauptung wird vermutlich nicht empirisch belegbar sein. Trotzdem wird jeder irgendwie fühlen, dass ihr ein Quäntchen Wahrheit irgendwo innewohnt. Und dann beschreibt Heinrich Böll in seiner »Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral« einen am Strand dösenden Fischer, der einem Touristen erklärt, dass er nicht Jahre seines Lebens hart arbeiten muss, um eines Tages faul am Strand liegen zu können – er tue es ja jetzt schon. Dem Touristen verschlägt es die Sprache.

Wir empfehlen also mehr Mut zur Faulheit. Solange Faulheit nicht auf dem Rücken anderer ausgetragen und die liegengebliebene oder aufgeschobene Arbeit anderen zur Last wird, sollte man sich überlegen, ob man nicht dann und wann mal inne hält und den lieben Gott einen guten Mann sein lässt. Manche Gedanken sortieren sich neu, Ideen entstehen, gruselige Arbeit kann nach einer angemessenen Pause und mit etwas Abstand oft viel gelassener angegangen werden. Oder wie Helmut Kohl schon weise wusste: Wichtig ist, was hinten raus kommt.

Und überhaupt: Bei allen Faulheitsdebatten scheint die Hauptmotivation der Kritiker deren Neid auf die Faulenzer zu sein. Übrigens auch eine Todsünde.

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