An allen medialen Ecken wird von einer neuen Naturkatstrophe erzählt: der Informationsflut. Gleichzeitig tragen immer mehr Menschen über Microblogging-Dienste oder eigene Blogs zu dem Meer aus Informationen bei. Kann man zwischen den ganzen Publikationen und einer immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspanne überhaupt noch lange Texte schreiben?
von Kacper Potega
Die Legende von dem Menschen, der von Technologie und Information überwältigt wird, hat eine lange Tradition. Dem Fernseher wurden beispielsweise von Beginn an Weltuntergangsszenarien angedichtet, bevor entsprechende Geräte überhaupt große Verbreitung gefunden hatten. Noch ist die Welt nicht untergegangen. Das Monster heute ist eine Mischung aus Internet und der Allgegenwärtigkeit von Werbung. Natürlich sind diese absolut kulturpessimistischen Horrorvisionen selten mit reinster Wahrhaftigkeit gesegnet. Wie so oft steckt aber auch hier ein Körnchen drin, das bei der Wahrheitsfindung sehr interessant erscheint.
Denn: Die Menge an Informationen, die wir täglich erhalten und verarbeiten steigt tatsächlich sehr schnell an, gleichzeitig verkürzt sich die Aufmerksamkeitsspanne, die einem Thema gewidmet wird. In diesem Zusammenhang fällt es schwer daran zu glauben, dass es noch Menschen gibt, die sich mit langen Abahandlungen und dicken Romanen befassen, wenn sie in der gleichen Zeit tausende von Tweets zu tausenden von Themen lesen könnten – statt sich nur mit einem Thema auseinanderzusetzen. Hinzu kommt, dass wir gleichzeitig Zugriff auf so viele Quellen haben, dass wir selbstverständlich auch vergleichen wollen – in der selben Zeit, in der wir früher einen Artikel eines Autors gelesen haben.
Was ist nun die Konsequenz daraus für all diejenigen, die Teil der Informationsflut sind – Journalisten, Werber, Blogger. Darf man den Lesern überhaupt noch lange Texte zumuten, sie mit Informationen beladen, wenn die eigenen Texte noch gelesen werden sollen?
Ich glaube: Ein Text muss genau so lang sein wie nötig. Und weil das sehr nicht besonders erkenntnisreich klingt, die zweite Erkenntnis gleich hinterher: Viele Worte werden heute immer seltener benötigt.
Nehmen wir das Beispiel Blogs. Fast alles wurde heute schon einmal gedacht, gesagt, niedergeschrieben, belegt und widerlegt. Wenn sich Blogger nun mit einem Thema beschäftigen, brauchen sie nicht jeden Gedanken erklären, jedes Wort definieren. Sie haben die Möglichkeit alles zu verlinken, auf die Erklärung, die vielleicht nötig wäre, einfach kurz zu verweisen ohne im Verständnis einzubüßen. Diese Macht schwappt immer mehr auch auf gedruckte Medien über. Auch sie können davon ausgehen, dass jeder Leser einen unbekannten Begriff binnen Sekunden ergooglen kann – und sparen so denjenigen, die mit dem Begriff bereits etwas anfangen können, viele Worte und Zeit.
Kein Wunder deswegen, dass ein Dienst wie Twitter nach wie vor so einen so großen Ansturm und solche Nutzerzuwächse erlebt. Genau dort findet man diesen Gedanken auf den Punkt gebracht: In wenigen Stichworten wird dort die Welt erklärt. Wer es nicht versteht, kann es googlen. Ebenso gibt es Websites mit Filmkritiken in wenigen Worten oder Gedanken zu Produkten und Personen in sogar nur 30 Zeichen. Die Kürze greift um sich und das ist gut.
Selbstverständlich wird diese Position auf Gegenwind stoßen. Es sei schwieriger zwischen korrekter Information und Ente zu unterscheiden, es gäbe keine fundierten Ausführungen mehr, wir Menschen würden verdummen. Und dadurch, dass jetzt jeder publizieren könne, werde die Dummheit auch immer weiter in die Welt getragen.
Man wird lernen müssen intelligent zu selektieren. Die unreflektierte Aufnahme von Wissen aus Leitmedien wird der Vergangenheit angehören. Das Internet (...) ist zudem schon in der Lage eine Art Selbstreinigung vorzuehmen, wie es etwa ähnlich bei Wikipedia von statten geht.. Da wo jeder etwas veröffentlichen kann, werden meistens auch Menschen sein, die das ggfl. anfechten, kommentieren, kritisieren, negieren. Es wird ein Regulativ aus Gegenseitigkeit entstehen. Es wird, wie jetzt auch, weiterhin die Intelligenz und die Wahrnehmungsfähigkeit des Lesers gefragt sein. Abhandlungen von Otfried Höffe über Kants "Kritik der reinen Vernunft" werden auch weiterhin nicht von Freunden des Boulevard-Journalismus gelesen werden.
Aber nicht nur deswegen kann und sollte man es genau umgekehrt sehen. Die Anforderung des »neuen Lesers«, ein Text müsse kurz, prägnant und gebündelt sein, fordert vom Verfasser eine viel ausgeprägtere schriftliche Eloquenz. Mit vielen Worten, Wiederholungen, Geschwätzigkeit und Ausschweifungen einen Sachbestand zu erklären, ist viel einfacher als in einem klaren, kurzen und strukturierten Satz. Isaak Babel, der »Meister der Kurzgeschichte«, soll seine sprachliche Brillianz durch vielfaches Abschreiben seiner eigenen Texte entwickelt haben. Die Faulheit, die eine Person ereilt, wenn sie zum fünften Mal den inhaltlich selben Text schreibt, brachte ihn dazu seine Texte klarer, prägnanter und eben kürzer zu verfassen.
Um sich selbst zu disziplinieren und den Gedanken von Babel zu verfolgen, haben einige Blogs mittlerweile sogar zusätzlich zum Datum neben ihren Einträgen eine Angabe über die durchschnittliche Lesezeit eingebaut (z.B. das populäre Politblog Unpolitik.de). Sie dient nicht nur dem Leser als Orientierung dafür, wie viel Zeit er jetzt tatsächlich in einen Text investieren muss. Sie dient vor allem dem Autor, der versucht seine Texte möglichst aussagekräftig und trotzdem kurz zu verfassen, um die durchschnittliche Lesezeit gering zu halten. Win-Win.
Natürlich gibt es Fälle, die eine Ausführlichkeit erfordern. Eine Doktorarbeit wird selten auf eine halbe DIN A4 Seite gepresst. Allerdings: Wann haben Sie das letzte Mal eine Doktorarbeit gelesen? Eben.
Ich hoffe, ich habe mich kurz und klar ausgedrückt.






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